Vor einigen Tagen wurde in der Politiksendung auf Radio Lohro auf den G8 Gipfel und die Proteste zurückgeschaut. Unter anderem gab es einen Beitrag über die HI wozu ich den Text beigesteuert habe. Aufgrund meines zeitmangels musste er allerdings von jemand anderem eingesprochen und bearbeitet werden. Der Text soviel ist mir klar reicht nicht an die Reflexionen heran die Iceagecoming geliefert hat.

Am 2. Juni wurde Rostock Zeuge eines Phänomens, das aus der dominanten medialen Wahrnehmung des Tages heraus fiel. Ganz am Ende der beiden Demonstrationszüge fuhr ein Wagen mit dem Motto „G8 Wegbassen“. Wo Attac ihre Forderungen nach einer Reform der internationalen Finanzmärkte erhob, und sich schwarzer Block und Polizei mit einer Straßenschlacht in das kollektive Gedächtnis einbrannten, rief die Hedonistische Internationale zur Party gegen das System und zur Afterhour in Heiligendamm auf.

Auch nach dem G8 bliebt die Hedonistische Internationale präsent. In der Nacht zum 12. September wurde in Berlin die größte Mediamarktfiliale der Welt eröffnet. Über tausend Schnäppchenjäger und Schaulustige verursachten ein Chaos, das letztlich zum Scheitern des Eröffnungsspektakels beitrug. Unter den wartenden und drängelnden Menschen tauchten ca. hundert Vertreter der Hedonistischen Internationale auf. Sie spielten Musik aus einem selbstmitgebrachtem Soundsystem und skandierten Parolen wie „1, 2, 3 - lasst die I Pods frei!“ oder „Wir wollen alles kaputtkaufen!“. Sie brachten den Wahnsinn des kippenden Verkaufevents von Mediamarkt durch ihre ironische Überziehung genau auf den Punkt. Darüber hinaus beteiligen sich die Hedonisten in Berlin an Demonstrationen gegen die Sicherheitspolitik Schäubles und gegen das umstrittene Stadtentwicklungsprojekt Mediaspree.

Die Aktionsformen, die Feierei der Hedonisten sollen kleine Verbesserungen und Annäherungen an eine noch zu gestaltende Zukunft sein. Bei genauerem Hinschauen offenbart sich wie bei den anderen vielfältigen Spektakel am 2. Juni auch bei dieser Form von Protest ein symbolischer Charakter. Hauptsächlich scheint der Protest der Hedonisten im Veranstalten von Raves zu bestehen. In ihrem im Internet nachlesbarem Manifest findet sich zunächst nicht viel Aufschlussreiches. Die HI hat keine bestimmte Utopie. Dafür gründen sich allerdings dennoch in letzter Zeit immer neue Sektionen in anderen Städten der Bundesrepublik. Die Party als Aktionsform soll möglichst unmittelbar den Zweck selbst ausdrücken um derentwillen sie veranstaltet wird. Die Hedonisten wollen – so ihr Manifest - Freude, Lust, Genuss und ein selbst bestimmtes Leben in Freiheit für alle Menschen.
Die gesellschaftliche Realität zeichnet sich aber weiterhin durch Arbeitszwang und Ausbeutung aus. Sie ist also immer noch so, wie sie die Hedonisten nicht haben wollen. So bleibt es lediglich beim Schaffen von temporären hedonistischen Zonen und Situationen um - wie sie schreiben - auf ihre Ideen und Ziele vorzugreifen. Das heißt es bleibt beim Veranstalten von Parties, bei Versuchen Momente zu erschaffen, in denen alle gesellschaftliche Realität ausgeblendet scheint. Das Problem der hedonistischen Praxis ist dabei die voranschreitende Zeit, die irgendwann jede Party enden lässt. Zeit ist das Maß, indem im Kapitalismus die Verausgabung der Ware Arbeitskraft gemessen wird. Diese Eigenschaft soll in der Feierei aufgelöst werden. Die vergehende Zeit muss mit keinem Nutzen gefüllt werden, sie dient keinem Zweck außer dem zu genießen.
Die hedonistische Feierei wird somit von außen betrachtet vergleichbar dem gewaltsamen Spektakel von schwarzem Block und Polizei, zu einem symbolischen Protest. Die Hedonisten erschaffen einen Augenblick in dem ihre Botschaft lesbar werden soll, auf das die Menschen daraus lernen.

Symbolischer Protest hat - so scheint es - gegenüber dem Auftreten von Attac, den Gewerkschaften oder der Linkspartei den Nachteil, dass er nicht zur Politikberatung taugt. Symbolischer Protest hängt von der Existenz eines mündigen Publikums ab, dass aus den Aktionsformen etwas lernt und Konsequenzen zieht.

12 Antworten zu “Hedonistische Internationale bei der G8 Rückschau von Radio Lohro”

  1. scheckkartenpunk sagte:

    im prinzip ist das doch nichts anderes wie die freizeiterholung, welche die kulturindustrie zu schaffen hat, damit eine regeneration für die lohnarbeit erfolgen kann.

  2. knusperflocken sagte:

    ich hasse das “besserscheitern” ;O)

  3. besserscheitern sagte:

    wie? kannstet nich verknusen wenn det schweinesystem am ende doch sieger bleibt?
    @knusperflocken

    Ich mag das Wort “besser scheitern” von Beckett weil es mehrfach gebrochen ist.

    Wenn er sagt: “Einerlei! Wieder versuchen. Wieder Scheitern. Besser Scheitern.” Bringt er damit auf den Punkt, dass Stehenbleiben keine Option ist. Nur weil man aber als Individuum weitermacht, ist nich lange kein Ende in Sicht, bzw. kein glücklich machendes. Also noch weiter! Da steckt mehr über Totalität drin als in manchen Aufsätzen.

    @Scheckkartenpunk

    Da stimme ich dir im Wesentlichen zu. Der positive Bezug auf Hedonismus in der antideutschen Blogosphäre kommt mir nur manchmal etwas zu “ernst” rüber. Wer Feierei hochhält sollte nicht die Ironie des Ganzen vergessen. Das ist aber ein Vorwurf, den man dir schon bei deinem Header und auch deiner Beiträge nicht machen kann. ;)

  4. keta minelli sagte:

    der positive hedonismus-bezug der antideutschen blogosphäre ist nur die krampfig gewendete umkehrung der lustfeindlichkeit der autonomen antifa, aus der sie irgendwie ja dann doch alle kommen.
    bei ihnen ersetzt die wirr überdeterminierte pose des pillen-schmeissens gleichzeitig kritik und praxis und bestätigt so die von kritikern der antideutschen in stellung gebrachte mutmaßung, hier würde ein affirmative turn stattfinden.
    die hedonisten sind größtenteils nur radikale gutmenschen, aber immerhin.

  5. knusperflocken sagte:

    eigentlich sollten mir die knusperflocken im halse stecken bleiben, aber die verdrängung des themas macht den konsum dann doch möglich … allerdings frage ich mich oder möchte ich mal zur diskussion stellen, ob es in anlehnung an scheckkartenpunk’s aussage “raven ist kein hobby” nicht konsequenter wäre hedonismus “ernsthaft” zu betreiben. da eine befreite gesellschaft sowieso nicht möglich ist und ansätze einer solchen nur temporär erlebbar sind, wieso dann nicht einfach mehr temporäre erlebnisse ??? quasi das “sich-selber-bescheissen” auf die nächsthöhere ebene heben.

  6. besserscheitern sagte:

    @knusperflocken:

    weil:

    “im prinzip ist das doch nichts anderes wie die freizeiterholung, welche die kulturindustrie zu schaffen hat, damit eine regeneration für die lohnarbeit erfolgen kann.”

    @keta:

    D’accord

    Obwohl das Phänomen hier in HRO eher unterentwickelt ist. D.h. die meisten Antifas hängen noch bei den althergebrachten Substanzen Alkohol und THC.

  7. Thorsten sagte:

    Und Schokolade :-))

  8. scheckkartenpunk sagte:

    “Das ist aber ein Vorwurf, den man dir schon bei deinem Header und auch deiner Beiträge nicht machen kann.”

    oh, da hat jemand meinen header verstanden :D

  9. knusperflocken sagte:

    @ besserscheitern:

    dass dieser bewusste “selbstbesschiss” nicht besser ist, weiß ich, aber vielleicht es ist doch nur meine bürgerlichkeit, die mich auf der suche nach der wahrheit, wie man am besten durch das leben kommt, an solche irrationalitäten wie das “besser-besserscheitern” glaube lässt …

    oder andere daran, dass sie es in 18 minuten von einem ende der stadt an das andere schaffen ;O)

  10. endi sagte:

    warum issen hier kein kontaktformular? pls email.

  11. scheckkartenpunk sagte:

    ich find den “selbstbeschiss” allerdings völlig legitim, solange einem der gesamtkontext bewusst ist. die kulturindustrie hilft einem den kommunismus zu ertragen. :D - das ist allerdings auch das fatale daran.

  12. scheckkartenpunk sagte:

    hahaha - da war ich schon wieder im gedanken zu weit.

    “die kulturindustrie hilft einem den kapitalismus zu ertragen.” natürlich. oh je, jetzt kommen bestimmt wieder die MGler über mich.

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