Verpasste Hypes # 2 Hot Chip
Februar 22, 2008
Im ersten Teil habe ich über eine Band geschrieben, die von ihrem Label und dem Vertrieb als neuer heißer Scheiß verkauft wird, allerdings ein unorigineller Aufguss eines Aufgusses (mit mehr Piercings) ist. Das Phänomen des Verpassens von Hypes hat eine viel banalere Seite. Denn meistens bin ich es ja, der eine an sich interessante Entwicklung erst mitbekommt, wenn sie schon zum Hype verkommen ist und damit auch bald im Sterben liegt. Der Grund ist so trivial, wie wirkungsvoll: Man muss nur keine Ahnung haben.
Wie bereits im Startbeitrag erwähnt, soll es jetzt weniger um ganz konkrete Bands oder Alben gehen, sondern mehr um die Art und Weise, wie diese wahrgenommen werden und wie in der Folge über sie kommuniziert wird. Neben dem Genuss an einem Stück an sich (im Sinne des Konsums einer Ware) kann Musik oder Mode noch einen anderen Gebrauchswert aufweisen.
Erst das Wissen um ein Album oder eine Mode versetzt in die Lage über diese zu kommunizieren. Insofern dass man um eine bestimmte Entwicklung weiß, kann dieses Wissen auch eine Ressource sein, aus der sich die Anerkennung derer speist, die man bspw. auf eine gute Idee bringt. Es kann aber auch das kulturelle Kapital sein, das man wiederum zu Geld macht, wenn man es als journalistisches Wissen vermarktet.
Wie die Ware im Marxschen Sinne kann man mit solchem Wissen keine Schätze anhäufen, zumindest hat man nichts davon. Dieses Wissen muss kommuniziert werden. Moden würden nicht entstehen, wenn sie nicht gemacht würden d.h. eine Kommunikation über eine Entwicklung hergestellt würde.
In diesem Prozess der Kommunikation über eine Entwicklung kann man über den Stand der Dinge unterschiedlich gut informiert sein. Das bringt uns wieder zurück zum Phänomen der verpassten Hypes bringt. „Verpasster Hype“ ist im Grunde ein absurde Konstruktion. Hätten genug Menschen einen Hype „verpasst“ würde niemand von einem Hype reden. Die Konstruktion unterstellt also immer schon dass ich, der über verpasste Entwicklungen redet ein reges Interesse an den Entwicklungsprozessen habe. Trotz der verwendeten Aufmerksamkeit und der Beschäftigung mit Popkultur habe ich verpasst, etwas bestimmtes wahrzunehmen.
Hot Chip zum Beispiel. Im Juni 2006 wurde in der Jungle World das Album „The Warning“ von Michael Saager verrissen und darauf wurde Michael Saager bei Germanophobia in einem Satz (!) verrissen. Das habe ich wahrgenommen. Nicht wahrgenommen hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt eine Band namens Hot Chip. Und es hat auch noch 1 ½ Jahre und einige Remixe (die ich dann doch wahrgenommen habe) gedauert bis über „Made In The Dark“ geschrieben und gelesen wurde. Am 20. Januar hat Keta Minelli dann im Blog von Difficultiseasy wiederum mit einem beiläufigen, aus dem Ärmel geschüttelten Satz dieses neue Album verhandelt. Vor zwei Tagen dann „im Büro“ eine ganz ähnliche Szene. Herr Go! Fidelity schaltet sich in ein „Kennst du die schon?“-Gespräch ein und verhandelt betont unaufgeregt Band und Album in zwei Sätzen. Beide Erlebnisse sowohl das virtuelle als auch das real erlebte zeigen ganz gut, was ich meine wenn ich von verpassten Hypes schreibe. Es geht um eine Situation, in der eine Entwicklung so weit vorangeschritten ist, dass es höchste Zeit ist das erworbene Wissen zu kommunizieren bevor die Exklusivität dieses Wissens sich endgültig aufgelöst hat. Dabei ist es, wie beide Beispiele zeigen, egal, ob man die Band mag oder nicht. Auch nich der Verriss zur rechten Zeit kann immerhin als „Bescheidwissen“ inszeniert werden.
So und jetzt hoffe ich mal, dass die beiden Herren sich nicht angegriffen fühlen, weil ich sie für mein Theoretisieren als Beispiel bemüht habe.
nö. ich meinte ja nur, dass schon das vorgängeralbum bis auf die hits nicht wirklich etwas für mich zu bieten hatte.
in der aktuellen intro steht ein ganz guter satz, welcher mein verhältnis zu hot chip ganz gut wiedergibt: “hot chip sind derzeit die perfekte verbindung von minimal und indie”, oder so.
das ding ist nur: ich mag kein minimal. und niemand, der bei verstand ist, sollte minimal mögen können. da bin ich musiknazi genug, um das sagen zu dürfen. und die songs, die dann (aus beiden alben) bisher ausgekoppelt wurden, waren auch eher die weniger minimal anteil – stücke.
aber wie du ja schon treffend festgestellt hast: ich schwimme ja derzeit eh ein wenig gegen den trend und besinne mich auf die akustik, folk und rockpop. ist ja auch eine form von minimalität im angesichte der so gesellschaftlich /charakterlich bildend undbedeutenden scheiße, welche die moderne jugend von heute (und ich meine jetzt nicht die bauernjugend, sondern die hipster-großstadtkids) auf den tanzflächen beschallt.
so.
Tja, Minimal ist genauso ein Ding. Ich glaube es ist schon fast zwei Jahre her, dass die Crisco-Connection angefangen hat Minimal totzuschreiben. Minimal medial zu verabschieden erlaubt es, sich von der Masse abzugrenzen, die auf einen Flyer schauht “Minimal” liest und denkt “geil” ohne wirklich eine Ahnung zu haben. Sehr geil fand ich diesem zusammenhang den zitierten Flyer vom Berghain.
(http://www.crisco-connection.com/?p=692)
Das bedeutet ja aber 1. nicht das all die DJ’s und die Produzenten von der Bildfläche verschwinden und 2. wird auch hier in HRO sehr selten noch tatsächlich Minimal aufgelegt.
Ich war schockiert wie mich das letzte Release von Minus Records, die ExpansionContraction gelangweilt hat, aber solche Musik wird in Rostock auch nicht mehr gespielt zumindest da wo ich war nicht. Wenn man da tief im Labelprogramm drinsteckt macht das sicherlich Sinn sich diese Scheibe mal anzuhören.
Die Musik entwickelt sich weiter und irgendwann hat sich ein Muster ausgebildet das dominant werden könnte, dann wird es gelabelt und kurz darauf ein Hype. – Das ist ja in ganz kurz, was ich ausdrücken wollte und in diesem Prozess kann man mehr oder weniger “durchsehen”. Wer aber nicht durchsieht, muss sich Trends vorsetzen lassen.
Wie ist es eigentlich in deine Theorie einzuordnen wenn Menschen sich ganz bewußt mit ihrem “Nicht-BescheidWissen” inszenieren? Also man kennt das ja, am Tresen gibt’s ein Gespräch üder diese oder jene (eventuell auch neue) Band und irgendwann kommt dann der typische Spruch: “Kenn ich nicht – interessiert mich nicht – ich höre nur das und das” meistens ist “das und das” dann Punk/Metal/Oi!/Ska oder irgendeine andere im wesentlichen konservative Musiksubkultur.
Das sind dann entweder bornierte Puristen a la “Ich mach nur meins” oder die schon angesprochenen “Nur-Genießer”. Aber auch letztere kommunizieren über Musik und erfahren neue Dinge, die begreifen allerdings ihr “Wissen über etwas” nicht mit als mehr oder weniger wichtigen Teil ihrer Identität. In ihrem Selbstbild sind sie eben nur Genießer (, was aber nur die halbe Wahrheit ist).
Das schöne an dem Saagerschen Verriss von Hot Chip, auf den ich zugegebenermaßen etwas unsouverän reagierte, war ja, dass ich aus sicherer Quelle wusste, dass der Herr – frisch aus der Provinz nach Berlin gezogen – nur seinem schamvollen Beleidigtsein, einen veritablen Hype verpasst zu haben, Ausdruck verleihen wollte. Angesichts der Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt “Crap Kraft Dinner” und “No fit state” bei mir in Dauerrotation liefen, kam das Blasphemie gleich. Und dann auch nocht durch einen Hippie aus einer niedersächsischen Universitätsstadt. Das ging gar nicht klar. Ich hab mal ein paar meiner Favourites rausgesucht.
Hot Chip: Craft Crap Dinner: http://hypem.com/track/448938
Hot Chip: No fit state: http://chime.tv/#v/603zx_zoom
Tracey Thorn: King´s Cross (Hot Chip Remix): http://thisrecording.wordpress.com/2008/02/07/in-which-there-is-but-one-love-and-it-is-for-the-chip/
Gorillaz: Kids with guns (Hot Chip Remix): http://youtube.com/watch?v=5k1DdsbYnOk
Matthew Dear: Don and Sherri (Hot Chip Version: http://youtube.com/watch?v=Sjf6GnKq01U
Amy Whinehouse: Rehab (Hot Chip Remix): http://youtube.com/watch?v=H-l_I7EGyOQ
Ansonsten danke für die Blumen. Ich werfe dann mal die Schlagworte Italodisco und Homo-House in die Runde. So für die Saison 2008/2009. Und spreche mal wieder eine Empfehlung für Kelley Polar aus. Kann da natürlich auch falsch liegen.
Was ich aber nicht so recht glauben mag. Denn wo Crisco, da vorne.
etwas wirklich gutes kann man nie für sich alleine haben auf dauer.
seit wann minimal tot sein soll oder hot chip eigentlich jeder kennen muss lässt sich gut diskutieren, mehr davon!
Was ist denn die andere Hälfte der veritablen Wahrheit, besserscheitern, gemäß der die Genießer eben doch nicht nur Genießer sind?
Auch “Genießer” kommunizieren über Musik und die meisten ändern oder erweitern ihre Lieblingsmusik ständig. Das heißt Musik ist nicht einfach nur da. Alle Menschen nehmen in unterschiedlichem Ausmaß an Kommunikation über Musik teil und sei in der Form des Extremfalls, dass sie zufällig mit Musik konfrontiert werden und sie diese auf Anhieb mögen und dann “nur” hören, ohne sich mehr zu informieren.
Ach, so ein Geschmackspositivismus. Ich habe es schon längst aufgegeben, über meine Musik (und Filme) mit euch zu kommunizieren…
es wird ja gemunkelt man könne mit dir bald wieder vis-a-vis (nicht) kommunizieren …
@Thorsten
“Ach, so ein Geschmackspositivismus.” – Genau! Das ist doch mein Reden. Musik verliert ja nichts, wenn man sie kritisiert oder über sie kommuniziert wird. Im Gegenteil es ist denkbar, dass Musikhörerende dem konkreten Stück, Album, etc. mehr abgewinnen können weil sie mehr Facetten kennenlernen die sich z.B.in der Geschichte dieser Musik verbergen und beim ersten Hören (noch) nicht offenkundig sind. Es kann halt auch so weit gehen, dass man Menschen das Wissen und die Fähigkeit, kompetent über Musik reden zu können, als einen Teil ihrer Identität betrachten. So formuliert, klingt das auch wesentlich freundlicher, als wenn immer hämisch von Bescheidwissertum geredet wird.
Die beiden Texte zu verpasste Hypes sollten ja mal versuchen aus der Meta-Ebene auf solche Kommunikationsprozesse schauen, um zu sehen was da los ist. Bis jetzt stellt sich das so dar, dass das Hören von Musik immer mit (mal mehr mal weniger) Reden, Schreiben, Lesen über diese Musik verbunden ist. Den reinen Genuß von Musik einfach nur um ihrer Selbstwillen gibt es nicht, weil die Musik selbst schon Kommunikation ist und zu dieser tritt dann noch die Kommunikation über die Komunikation (das konkrete Stück Musik) hinzu.
nur, um noch mal meine oben aufgeführte these zu untermauern: der herr saager mal wieder: http://www.jungewelt.de/2008/03-05/019.php
das dem das nicht peinlich ist. er könnte das doch auch einfach aussitzen, aber seine versuche sich über einen verriss zu profilieren gehen immer wieder nach hinten los.