Um ein paar Minuten Ablenkung von einer im Grunde langweiligen Hausarbeit für die Uni zu bekommen habe ich, wie üblich in einer solchen Situation, alle Blogs abgeklappert, die ich gerne lese und hier und dort etwas kommentiert. Diese Prozedur wiederholte sich im Laufe des Tages und so entwickelte sich in den Kommentaren des Knusperflockenbeitrags über “Sex-Pop”, “Pop-Kultur”, “Pop-Art” und die rauchende Hannah Arendt“ eine anregende Diskussion, in deren Verlauf ein Link zu einem Interview der Beatpunks aus Leipzig mit Roger Behrens gepostet wurde. Dieses Interview wiederum befeuerte alle möglichen diffusen Gedankengänge, die mir seit einiger Zeit durch den Kopf gehen. Es erschien also viel zu reizvoll, es allein bei dem Kommentarspaltengeplänkel zu belassen.

In dem mittlerweile schon etwas älteren Text auf der Seite der Beatpunks findet sich eine Stelle an der Roger Behrens die folgende Frage gestellt wird:

„Ist Pop immer das gesellschaftliche Beruhigungsmittel, das jeden Widerspruch erstickt oder kann er auch einen Fluchtpunkt darstellen, um sich in der Totalität des Kapitalismus wenigstens die Idee eines guten Lebens zu bewahren?“

Der antwortet darauf und assoziiert frei, wie eine Möglichkeit entstehe könnte, dass Pop doch dazu beiträgt nicht mehr einverstanden zu sein.

„Die Frage ist …wenn die These die vom Massenbetrug ist, ob nicht genau in diesem Massenbetrug, also nicht in irgendwelchen Nischen oder ›dissidenten› Freiräumen, sondern genau in diesem Massenbetrug vielleicht sogar mythologische Möglichkeiten der Emanzipation liegen?“

Dabei hatte er sich vorher auf das Passagenwerk von Benjamin und damit auf dessen Idee bezogen, allein aus dem geschickten Samplen von Ausdrücken einer bestimmten Kultur eine Aussage zu treffen bzw. ein analytisches Urteil über diese zu fällen. Das würde bedeuten, aus der Aneinanderreihung von Zitaten aus der Werbung eine Einsicht in das Marktgeschehen zu gewinnen, zu dem alle Kultur geworden ist. Behrens selbst führt das so aus:

“Also, wenn dem Überbau nichts mehr einfällt, um in irgendeiner Weise die ökonomische Basis zu verkleiden und es zu einem geschichtlichem Leerlauf kommt, also genau zu dem, was Benjamin als »Dialektik im Stillstand« bezeichnet, dann könnte ich mir vorstellen, dass genau aus den kulturellen Phänomenen heraus, die vorher dazu gedient haben, die bestehenden Verhältnisse zu bestätigen, sich so etwas wie Bruchlinien abzeichnen. Also etwas hervortritt, das nicht mehr längerfristig als Legitimation der bestehenden Verhältnisse dienen kann.“

Im Folgenden räumt Behrens ein nicht genau zu wissen wie das im Einzelnen funktionieren könnte, ob es überhaupt funktioniert, „oder ob das assoziativer Unsinn ist“. Das Interview ist mittlerweile ganz schön alt. Deshalb erscheint es heute sehr viel einfacher auf die Frage zu antworten ob es derartige Bruchlinien gibt und ob es möglich ist Hoffnungen in sie zu setzen.

Ich habe das Gefühl dass sich diese Bruchlinien nur dem Erschließen, der sich nicht mehr in der Art zur Popkultur verhält wie es Zygmunt Baumann als typisch für die Flüchtige Moderne beschreibt. Dieser schrieb in seinem Aufsatz Schneller Leben: „Wir haben es mit einer Art Kasinokultur zu tun, in der jedes kulturelle Produkt auf maximale Wirkung und damit auf Zerstörung und Entsorgung der Kulturerzeugnisse von gestern zielt und sein eigenes, sofortiges Veralten mit einkalkuliert, damit es rascher in den Müll wandern und die Bühne räumen kann für die Produkte von morgen.“ (S.199) Es herrscht eine eine rasende Gegenwart in der die Vergangenheit und die Zukunft zu verschwinden drohen. „Die von der irrsinnigen Vielfalt der Angebote und dem schwindelerregenden Tempo ihres Wandels verwirrten Kunden können sich nicht mehr auf die Techniken des Lernens und der Erinnerung verlassen.“ (S.200)

Und damit wird die von Behrens erhoffte Bruchlinie hinfällig für alle, die emphatisch an der Kasinokultur am Geist der Zeit teilhaben. Der Leerlauf, der rasende Stillstand rast nach Baumann so schnell, dass es an Zeit fehlt um sich an Gestern noch zu erinnern und daraus für Morgen etwas zu lernen. Es ist nicht unmöglich Innezuhalten, zu reflektieren und so dem Verblendungszusammenhang in die Augen zu schauen. Man kann dabei sogar was sehen. Doch wer tut das schon?

Im Fernsehen beispielsweise werden die Zuschauer bombardiert mit einer Unzahl von Formaten, deren Inhalt darin besteht, den Menschen ihr langweiliges Leben immer und immer wieder aufs Neue vorzukauen. Im Wechselbad von Identifikation und Abgrenzung ereifert sich die Fernsehnation nicht mehr über skurrile Talkshowgäste sondern über das Heer von Schuldern, Fernsehstreifenbullen, Topmodelanwärterinnen und Azubis auf der Jagd nach der Lehrstelle. Abwechslung davon gibt es lediglich in Form von Zuschauen wie anderen ganz normalen Menschen von nebenan bei Wohnen nach Wunsch das Haus mit Ikeaschränken voll gestellt wird oder indem beim perfekten Dinner in die Kochtöpfe der Stadt XY geschauht wird. Wer es mit Kochen nicht so hat und weder weiß wie Kurkuma geschrieben wird, noch wie es aussieht oder gar wozu es genutzt wird, kann sich immer noch durch die tausend und eine Variation von Flirt Shows auf MTV berieseln lassen.

Das ungute Gefühl vergeht jedoch nicht wenn man das Medium wechselt. Immer wieder ist zu hören, das Internet wäre eine riesige Müllhalde aber wenn dem so ist dann greift diese zumindest auch massiv auf andere Medien über. Wer sich nur lang genug im Internet bewegt und wird irgendwann in der Lage sein, die dort auftretenden Hypes wahrzunehmen bevor sie sich ihren Weg in die anderen Medien und damit in die Wahrnehmung breiterer Massen bahnen. Da wäre zum Beispiel das Graffitivideo, dass einen Monat benötigt um aus der Blogosphäre bei Spiegelonline zu landen oder der Polyluxbeitrag über Durchfeiern in Berlin der unmittelbar an die rasante Verbreitung des Lützenkirchenvideos „Drei Tage wach“ anschließt und dessen roter Faden sich auch in den drei Wörtern „drei“, „Tage“ und „wach“ erschöpft. Man kann den urbanen Pennern beim Arbeiten (im Sinne von das notwendige Geld zum Überleben verdienen) zusehen, wenn man mit offenen Augen durch die (Medien-) Welt geht. Aber deren Erwerbsarbeit besteht dann, so hat man das Gefühl, auch nur darin, die irrsinnige Vielfalt der Angebote weiter zu füttern und zwar im Idealfall mit dem was man sonst als seine Selbstverwirklichung betrachtet.

Es ist möglich in der irrsinnigen Vielfalt mit schwindelerregenden Tempo ihres Wandels (Baumann) dennoch Bruchlinien zu sehen, zu verstehen wie die Medienproduktion von statten geht und wie man den guten alten Massenbetrug auf der Höhe der Zeit umsetzen muss. Aber die Legitimation der bestehenden Verhältnisse stellt das schon deshalb nicht in Frage weil, wer Bruchlinien sehen kann, wahrscheinlich selbst tief genug im Sumpf mit drinsteckt.

5 Antworten zu “Rasender Stillstand – von Internet-Langeweile zur Kritischen Theorie und zurück”

  1. mensch tibet muss echt langweilig sein ;O), du forderst mich auch ständig auf’s neue heraus, bezüglich zygmunt baumann ärgere ich mich, dass ich vorletztes semster das seminar über ihn nicht mit allzu grosser aufmerksamkeit verfolgt habe, dass was aber noch hängen geblieben ist, deckt sich in etwa mit dem was du geschrieben hast, ausserdem lässt sich bei baumann feststellen, dass er wahrscheinlich weniger “postmoderne theorie” als vielmehr eine “theorie der postmodernen gesellschaft” a.k.a. liquid modernity (flüchtige moderne)verfolgt, ich würde nachdem ich mir den ursprungsartikel von roger “sex-pop” nochmals durchgelesen habe behaupten, dass sie beide etwas ähnliches versuchen. roger über die “Kritischen theorie” – linie mit psychoanalyse, materialismus, etc – eine “theorie der postmoderne” baumann nennt es halt “flüssige moderne” und behrens “pop-kultur” und wenn ich mal roger zitieren darf:

    “Pop erscheint als Sphäre, in der gesellschaftliche Widersprüche beständig neu verhandelt werden können, ohne dabei mit der gesellschaftlichen Struktur, die ja wesentlich in diesen Widersprüchen fundiert ist, in Konflikt zu geraten. Darin kommt eine Kulturalisierung zum Ausdruck, für die der Pop gleichermaßen als Symptom und Ursache beschrieben werden kann: »Gesellschaft« wird durch »Kultur« ersetzt. Der Kapitalismus geht dabei über die Ausdehnung der Warenproduktion in die Kultur noch hinaus: die Warenproduktion wird selbst Kultur. Kann man die Kulturindustrie, die die Phase des Fordismus bestimmt, durch das Zur-Ware-Werden der Kultur definieren, so bestimmt sich der Pop, der die Phase des Postfordismus prägt, über das Zur-Kultur-Werden der Waren.”

    dann sind sie sich beide wahrscheinlich einig, dass die reflektion oder der kurze augenblick des verharrens zum erinnern an gestern, stetig schwieriger wird, sei es wie bei roger durch “kulturalisierung” oder bei baumann durch die “kasinokultur” …

  2. Aber gerade nach der Lektüre Illouz erscheint es mir zutreffender im Sinne Honneths von einem paradoxalen Verlauf kapitalistischer Modernisierung auszugehen (und das heißt dem Kapitalismus nach der Katastrophe des NS eine Menge von Freiheitsgewinnen für das Individuum “zu gute zu halten” (scheiß formulierung, ich weiß)).

    Behrens ist durch seine Klassikerremixe sehr viel düsterer. Ich versuche gerade herauszufinden, was hinter seinem in Rostock im Anschluss an die Seminarveranstaltung geäußerten Einwand steckt, Honneth würde einen Subjektbegriff benutzen der nicht mit dem der Klassiker der KT im Einklang steht.

    Im Kern wird es wohl darauf hinauslaufen, ob sich, wie Horkheimer in der programmatischen Schrift von 1937 behauptet, in der Arbeit der Menschen so etwas wie die (noch) unbewusste Objektivierung des vernünftigen Allgemeinen vollzieht und ob der Verblendungszusammenhang der die Bewusstwerdung verhindert überhaupt so dicht sein kann, wie er behauptet wird, wenn man ihn denn behaupten kann.

    Ich also herausfinden, was man mit den Klassikern noch anfangen kann.

  3. Red_Angel sagte

    Worum es auch immer in diesem Beitrag gehen mag. Wenn du deine HA ausdruckst, mach das mal gleich zweimal – ich hätte da auch gerne eine von.

  4. Worum es geht? Ich gehe fremd und beschäftige mich zur Abwechslung mal mit Soziologie anstatt mit vergleichender Regierungslehre. ;)

  5. knusperflocken sagte

    worum es geht ??? immernoch darum einen ausweg aus dem so called “schweinesystem” zu finden … ist doch alles ganz easy ;-)

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